Der Eisberg

   von Henning Pfeifer

Im April 2000, also genau 88 Jahre nach der Katastrophe, tauchte völlig unerwartet das vermutlich erste authentische Foto des gerammten Eisbergs auf. Jahrzehnte lang war es unveröffentlicht und gibt erst jetzt Aufschlüsse über die am Eisberg gerammte Stelle.

Der böhmische Seemann Stephan Rehorek war an Bord der Bremen, als diese am 20. April die Unglücksstelle passierte. Rehorek nahm seine Kamera und knipste mehrere Bilder. Dies ist eines von mehreren Fotos, die Rehorek als Postkarten abziehen ließ. In einer ersten Karte mit einem Bild der Titanic auf der Bildseite hatte er seinen Eltern geschrieben:

“Werte Eltern. Herzliche Grüße von meiner Reise. Ich schicke Ihnen das Bild eines ( ...) Schnelldampfers, der seine erste Reise machte und unterging. Er war der größte der Welt. Zwei Tage vor New York prallten sie gegen Eisberge und das Schiff wurde an der Seite zertrümmert. Fast 1600 Menschen ertranken und etwa 670 wurden gerettet. Diese Eisberge habe ich fotografiert und schicke sie Ihnen zu. (...) Ich sah auch die Ertrunkenen und Trümmer des Schiffs. Dieser Anblick war wahnsinnig traurig.”

Die zweite Karte, die er nach Hause schickte (Bild oben), zeigt sehr wahrscheinlich den Eisberg, der wenige Nächte zuvor der Titanic zum Verhängnis geworden war. Auf der Karte schreibt er:

 “Werte Eltern, (...) Diese Karte ist der Anblick auf den Eisberg, gegen den das Schiff Titanic stieß und sich daran zerstört hatte. Zugleich schreibe ich an Bruder Josef.”

Bild unten: Der Dampfer Bremen der deutschen Reederei Norddeutscher Lloyd. Das Schiff kreuzte am 20. April die Unglücksstelle.

Die Form des Eisbergs deckt sich grundsätzlich mit einer Zeichnung, die Stunden nach dem Untergang der Titanic an Bord der Carpathia entstand. Der amerikanische Künstler Colin Campbell Cooper, Passagier der Carpathia, zeichnete einen Eisberg, den die Menschen an Bord für den Schicksalseisberg hielten.  Auf Coopers Zeichnung - sie entstand aus einem anderen Blickwinkel heraus als Rehoreks Foto -  sind nicht nur die beiden Spitzen klar erkennbar, sondern auch ein bis heute wenig beachtetes Detail: am unteren Rand zeichnete Cooper eine am Eisberg abgeschrammte Fläche.

Die Zeichnung ist dem Buch von Eaton und Haas: “Titanic - Triumph und Tragödie” (München 1997, S. 141) entnommen. Abbildung mit freundlicher Genehmigung von Charles A. Haas.

Oben im Bild noch ein Indiz, das dafür spricht, dass der Rehorek-Eisberg tatsächlich den Unglückseisberg zeigt. Der Titanic-Seemann Joseph Scarrott sah den Eisberg in der Unglücksnacht mit eigenen Augen. Vor dem britischen Untersuchungsausschuss erklärte Scarrott, dass ihn die Form des Unglückseisbergs stark an den Felsen von Gibraltar erinnerte - nur mit der Spitze auf der anderen Seite, also umgedreht. Weil Rehorek den Eisberg aus der selben Perspektive fotografierte wie Scarrott ihn sah, ist ein direkter Vergleich möglich. Im Bild rechts die bekannteste Ansicht des Felsens von Gibraltar.

Der Ort, in den Rehorek das Eisbergfoto schickte.  Nieder-Stepanitz im Riesengebirge umfasst rund 100 Häuser und heißt heute Dolni Stepanice.

Teil 2:

Die Eisberg Collage

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