Eis an Deck

von Henning Pfeifer

Beim Zusammenprall fielen Eisbrocken auf das Vorderdeck der Titanic. Aber woher kamen sie? Vom oberen Teil des Eisbergs? Sollte wirklich das Eis senkrecht von der Spitze des Eisbergs auf das Deck hinab gestürzt sein, dann müsste logischerweise der Eisberg über das Deck geragt und dort irgendwelche Schäden angerichtet haben. Doch dies war nicht Fall.

Eisbrocken, die sich vielleicht auf Grund einer Erschütterung von der Spitze oder Oberkante des Eisbergs lösten, fielen allenfalls senkrecht hinab – und damit zwischen Schiff und Eisberg direkt ins Wasser (Grafik 1), jedoch kaum waagerecht hinüber zum Schiff. Wir können auch festhalten, dass der Eisberg nicht über die Reling hinausragte, denn dann hätte er vermutlich Aufbauten, mit Sicherheit aber an der Reling befestigte Taue und Wanten beschädigt. Fazit: zumindest von der Spitze des Eisbergs wurden keine Brocken auf das Vorderdeck geschleudert.

Wie kam also das Eis auf das Deck? Betrachten wir zunächst die Aussage von Zeugen zur Menge der Eisbrocken. Seemann William Lucas wurde im Rahmen der Britischen Untersuchung von Mr. Rowlatt befragt (Tag 3):

Rowlatt: ”Wo haben Sie Eis auf dem Deck gesehen?

Lucas: ”Auf dem Welldeck, Steuerbordseite.”

Rowlatt: ”Wieviel Eis lag dort?”

Lucas: ”Ich schätze, so einige Tonnen.”

Doch es gibt sehr widersprüchliche Aussagen zur Menge. So sagte der Vierte Offizier, Joseph G. Boxhall, vor dem selben Ausschuss (Tag 13):

”Ich bekam ein Stück Eis aus der Hand eines Mannes, ein kleines wannenförmiges Stück, ich würde sagen, sehr klein...Ich nahm das Stück und ging über das Deck, um zu sehen, woher er es hatte. Ich fand ein wenig Eis auf dem Welldeck..., kleine Brocken.”

Boxhall sprach also von kleinen Brocken (”small stuff”) im Gegensatz zu ”einigen Tonnen”, wie Lucas angegeben hatte. Es gibt noch weitere vage Äußerungen von Zeugen: Seemann Edward J. Buley berichtete der Britischen Kommission (Tag 16) ebenfalls von ”einigen Tonnen”, Feuerwehrkommandant Charles Hendrickson (Tag 5) sah ”viel Eis”, Seemann Thomas Jones bezeugte gegenüber dem US-Ausschuss (Tag 7) jedoch nur ”ein wenig Eis” (”some ice”) gesehen zu haben.

Die Frage, wie denn nun das Eis auf das Deck kam, beschäftigte insbesondere die Britische Kommission. Man erhoffte sich klärende Worte vom Ausguck Reginald Lee (Tag 4):

Der Attorney-General: ”Sie haben uns gesagt, Sie hätten gesehen, dass etwas Eis auf das vordere Welldeck gefallen ist?”

 Lee: ”Es muss bei der Kollission von einem Überhang des Eisbergs herabgefallen sein, anders konnte es nicht gekommen sein (...)”

Attorney-General: ”Ist Ihnen aufgefallen, ob da irgend ein Überhang war?”

Lee: ”Nein, ich kann nicht sagen, was da überhing; ich kann auch nichts zur Größe sagen.”

Wenn wir die Zeugenaussagen zusammenfassen, so können wir keine genauen Angaben zur Menge der an Deck geschleuderten Eisbrocken herauslesen.

Erinnern wir uns an den Spielfilm von James Cameron, der den Zusammenstoß zwar so genau wie möglich rekonstruierte – jedoch bei der Darstellung der fallenden Eisbrocken die Herkunft der Brocken geschickt verschleiert. Rose und Jack stehen an der Reling, der Eisberg zieht vorbei und plötzlich stürzen große Mengen Eis senkrecht von oben herab. Die beiden Hauptdarsteller springen zurück und gehen in Deckung. Cameron vermied es, die Szene von der Seite zu zeigen, denn dann hätte er wohl zeigen müssen, dass das Eis vom Eisberg nicht senkrecht herab fiel, sondern zumindest ein Stück waagerecht hinüber auf das Schiff flog. Das hätte seltsam ausgesehen, denn dann wären die Brocken entgegen den Regeln der Physik nicht senkrecht gefallen.

Ein Blick auf das im Jahr 2000 entdeckte Foto vom Unglückseisberg kann helfen, die Frage zu beantworten, auf welche Weise das Eis auf das Deck fiel. 

Führen wir uns den Zusammenprall vor Augen: Das rund 50.000 Tonnen schwere Schiff rammte den Eisberg mit einer Geschwindigkeit von etwa 40 Stundenkilometern. Mit großer Energie wurden Brocken aus dem Eisberg heraus gerissen und flogen durch die Luft. Einige prallten am steil aufragenden und leicht überhängenden Eisberg ab und wurden in hohem Bogen zurück geschleudert. Ein Teil der Brocken landete schließlich auf dem vorderen Welldeck der Titanic, die meisten Eisbrocken fielen allerdings zurück ins Wasser (Grafik 3).

Dieser Theorie, die erstmal 2001 veröffentlicht wurde, liegen Aussagen von Augenzeugen und die Form des Rehorek-Eisbergs zu Grunde.

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